Ausstellung Erio Carnevali, „Correspondances“ – Karl H. Prestele

Rede zur Vernissage am 14.11.2013 nach Italienisches Kulturinstitut, München.

Caro Maestro Erio Carnevali, liebe Frau Gruber und alle Mitarbeiter des Italienischen Kulturinstituts, meine lieben Damen und Herren, verehrte Gäste!
Ich freue mich sehr, hier im Haus schon zum zweiten Mal eine Rede zur Vernissage eines italienischen Künstlers halten zu dürfen, und fühle mich sehr geehrt, dass auch einige Kolleginnen und Kollegen von mir gekommen sind!
Beginnen möchte ich mit einem Zitat eines berühmten Franzosen – ich glaube, es war Jean Paul Sartre –, der einmal gesagt hat: „Niemand auf der Welt bekommt so viel dummes Zeug zu hören wie die Bilder in einem Museum!“ Nun, ich hoffe nicht, dass Sie am Ende diesen Satz auf meine Rede beziehen müssen! Andererseits aber weist er auf etwas hin, was selbstverständlich erscheint, es aber doch nicht ist! Denn über Kunst zu sprechen ist eigentlich eine Anmaßung, man redet nämlich über etwas, was man nicht geschaffen, was ein anderer gemacht hat.
Dennoch hat eine solche Rede zu einer Vernissage ihre Berechtigung. Denn auf die meisten Künstler trifft zu, dass sie das, was sie wahrnehmen und empfinden, nur malend und in der Kunst ausdrücken können, aber keine Worte dafür haben. Deshalb sind sie ja auch Künstler und nicht etwa Schriftsteller geworden. Für mich als Journalist und Kunsthistoriker gehört es nun aber gerade zu meinen Aufgaben, für Kunstwerke die richtigen Worte zu finden, um anderen Menschen diese Kunst zu erklären, in der ein Künstler etwas auszudrücken versucht, wofür er keine Worte hat. Ich habe also, um den Titel der Ausstellung „Correspondances“ aufzugreifen, „Korrespondenzen“ / Entsprechungen herzustellen zwischen Bild und Wort, zwischen der Kunst und ihrer Rezeption durch den Betrachter, ein Übersetzer zu sein von einer Ausdrucksmöglichkeit – dem Bild – in eine andere – das Wort.
Wenn ich hier jetzt also zu Ihnen spreche, dann nicht, um diese Kunstwerke zu beurteilen – dass steht mir nicht zu -, sondern um Ihnen Informationen an die Hand zu geben, dass Sie sie verstehen können und „lesen“ lernen, sich für diese Kunst öffnen und vielleicht sogar berühren lassen. Mit ist aber auch klar, dass meine Ausführungen Stückwerk bleiben müssen, erstens wegen der begrenzten Zeit und zweitens, weil stimmt, was der Volksmund so ausdrückt: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“.
Wie aber kann man dann Bilder beschreiben und interpretieren, wenn man ihnen nicht unrecht tun, sie nicht festlegen oder kategorisieren will, weil alle Sprache und alle Worte ja aus dem Denken kommen? Ich versuche trotzdem das Unmögliche und bin mir dabei des Risikos bewusst, das ich damit eingehe.
Die meisten Menschen erwarten, in einem Bild etwas wiederzufinden, was sie kennen und ihnen vertraut ist, eine Geschichte erzählt zu bekommen oder zumindest eine eindeutige Bildaussage darin zu entdecken. Aber all dies verweigert Erio Carnevali dem Betrachter seiner Bilder. Denn er malt nicht gegenständlich-realistisch, sondern abstrakt. Er benutzt die Realität nur als Rohmaterial, um daraus etwas ganz Neues, so noch nie Dagewesenes zu schaffen. Seine Bilder erschließen sich nicht sofort und nicht dem flüchtigen Betrachter, sondern nur dem, der sich auf sie einlässt. Diese Mühe lohnt sich aber, denn dann erkennt man, wie vielschichtig und tief gehend diese Kunstwerke sind. Und „viel-schichtig“ meine ich ganz wortwörtlich, denn viele seiner Gemälde bestehen aus mehreren Malschichten übereinander, die in einem länger dauernden Malprozess aufgetragen werden und die manchmal geradezu reliefhaft werden.
Wenn wir aber nicht genau benennen können, was wir in Carnevalis Bildern wahrnehmen – sind diese dann beliebig oder haben gar keine Aussage? Das möchte ich strikt verneinen. Sie bergen eine Art Geheimnis, das man erkennen muss, um sie ganz zu verstehen. Aber trotzdem bleiben sie immer ein Stück weit rätselhaft und unerklärlich.
Die menschliche Wahrnehmung ist ja, wie wir alle wissen, sehr subjektiv, weil wir alles, was wir wahrnehmen, sofort bewerten und beurteilen. Würden wir das nicht tun, könnten wir uns in dieser immer komplexer werdenden Welt nicht mehr zurechtfinden und unser Überleben wäre in Frage gestellt (z.B. beim Autofahren). Apropos Wahrnehmung: Neulich habe ich einen Satz gelesen, der sehr gut dazu passt! Er lautet: „Wir glauben nicht, was wir sehen, sondern wir sehen, was wir glauben!“ Mit anderen Worten: Wir nehmen nur das wahr, was wir wahrnehmen wollen. Das gilt auch für die Kunst! Der englische Dichter, Naturmystiker und Maler William Blake (1757-1827) hat das einmal so formuliert: „Wenn die Pforten der Wahrnehmung gereinigt würden, würde alles dem Menschen erscheinen, wie es ist: unendlich!“
Auf den ersten Blick wirken Carnevalis Bilder verschlossen, ja fast hermetisch, sie verweigern sich dem flüchtigen Hinschauen. Das kann man durchaus im direkten Wortsinn auf seine Gemälde beziehen: Die oberste Malschicht „versiegelt“ seine Bilder geradezu, deckt alle anderen Farbschichten zu, die darunter liegen. Sie öffnen sich nur an einigen Stellen – wie wenn ein Nebelschleier kurz aufreißt – und lassen mehr erahnen als wirklich sichtbar werden, was sich hinter diesen Farbschleiern verbirgt. Aber wie heißt es doch so schön im „Kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupery: „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“ Der gerade schon erwähnte englische Dichter, Naturmystiker und Maler William Blake (1757-1827) hat das in einem Gedicht einmal so ausgedrückt:
„Das Universum im Sandkorn sehen / und das Paradies in einer Blume, / das Unendliche in deiner Handfläche halten / und in einer Stunde die Ewigkeit bemerken.“ Das war jetzt ein Zitat aus dem Katalog zur Ausstellung!
Das Wesentliche aber bleibt immer ein Geheimnis, zeigt sich nie ganz unverhüllt und direkt – das verkünden eigentlich alle großen Weltreligionen. Und deshalb gilt bei vielen von ihnen: „Das Verborgene ist immer das Heilige!“, um den Künstler selbst zu zitieren! Darauf verweisen auch die Titel, die er seinen Bildern gibt – oder vielmehr geht er gerade andersherum vor: Zuerst (er-)findet er den Titel und dann malt er das entsprechende Bild dazu! Seine Bildtitel – wie etwa „Der Gelbe Klang“, „Sichtbar Unsichtbar“, „Unfassbare Anwesenheiten“, „Das Gefühl der Farbe“, „Transit“ usw.) sind symbolische, poetisch-philosophische Wortschöpfungen, die seine Bilder aber nicht auf eine konkrete Bedeutung festlegen, sondern sie lassen damit das Geheimnis anklingen, das in ihnen steckt.
Wenn wir ein Bild zum ersten Mal sehen, reagieren wir meistens sehr spontan und unbewusst darauf: Wir empfinden es entweder als schön oder es gefällt uns nicht. Das ist aber eher ein emotionaler und kein rationaler Vorgang. Abstrakte Farbbilder, die sich nicht mehr verpflichtet fühlen, die Realität abbilden zu müssen, laden den Betrachter geradezu ein, sie als Projektionsfläche für seine momentanen Gedanken und Gefühle zu benutzen. Carnealis Bilder rufen also nicht nur Gedanken, sondern auch Gefühle hervor. Seine Bilder sind immer schön, aber ihre Schönheit ist flüchtig und zerbrechlich. Wir wissen ja: Alles Existierende muss vergehen und der Beginn jedes Lebens beinhaltet immer schon sein Ende. Carnevalis Bilder zeigen Orte, in denen man sich nicht dauerhaft einrichten, sondern nur zeitlich begrenzt aufhalten kann. „Wir sind nur Gast auf Erden“, heißt es in einem Kirchenlied, und alles hier ist uns nur geliehen.
Deshalb kann es sein, dass man als Betrachter, wenn man es zulässt, vor diesen Bildern trotz ihrer Buntheit auch ein wenig traurig werden kann:
traurig darüber, dass jeder neue Tag den vergangenen zudeckt – so könnte man z. B. die aufeinander liegenden Farbschichten interpretieren;
oder auch traurig darüber, dass alles Erlebte in die Erinnerung gesunken ist und daraus nur ab und zu mal kurz und fragmentarisch aufblitzt – so wie die fragmentarischen Schichten in den Bildern;
oder traurig darüber sein, dass uns das Wesentliche verborgen bleibt – wie hinter den Farbschleiern seiner Bilder.
Aber diese Bilder können genauso auch ein gegenteiliges Gefühl hervorrufen, nämlich die Hoffnung darauf, dass hinter der scheinbaren Realität, die uns umgibt, hinter dem, was unsere Augen an der Oberfläche sehen, noch etwas Anderes existiert, was wir nicht zu greifen vermögen, eine andere Art von „Realität“, eine verborgene Existenz, die wir nur erahnen können – wie in seinen Bildern! Wie wenn dieses Bilder die Tore zu einer anderen, immateriellen Welt öffnen würden!
Es sind aber keine realen Räume in seinen Bildern, sondern eher atmosphärische Räume, die nicht mehr an die Materie gebunden sind. Es sind Räume von der Art, wie sie der Schriftsteller Hermann Hesse in seinem berühmten „Stufen-Gedicht“ mit den Zeilen beschreibt: „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen. Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen. Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten. … Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden. Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden … Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ Hier scheinen neue Möglichkeiten auf, die es vorher nicht gegeben zu haben scheint, nach dem Motto: „Auf ins Neue, Unbekannte!“
Diese Bilder spiegeln nach meinem Empfinden geistige Zustände wieder, die nicht abgeschlossen sind. Es sind offene Bilder, sowohl von der Form als auch vom Inhalt her. Und es sind metaphyische Bilder, an der Grenze zwischen Realität und Mysterium: noch an die Materie gebunden und doch schon über sie hinausgehend. Von der Last der Realitäts-Abbildung befreit, scheinen diese Bilder in einer Art Zwischenreich zu schweben.
Sie werden sich jetzt vielleicht gewundert haben, dass ich in meiner Rede öfter Dichter und Schriftsteller zitiert habe! Das kommt nicht von ungefähr, sondern entspricht durchaus den Intentionen des Künstlers, der im Übrigen als Künstler Autodidakt ist, d.h. er hat nie eine akademische künstlerische Ausbildung genossen; stattdessen hat er sich das Malen selber beigebracht, als er in jungen Jahren nach Paris gegangen ist und dort im Montparnasse viele andere junge Künstler kennengelernt hat. Ganz speziell und seit jeher hat sich Erio Carnevali mit dem französischen Dichter Charles Baudelaire (1821-1867) auseinandergesetzt und sich von ihm inspirieren lassen. Von ihm hat er nicht nur den Ausstellungstitel „Correspondances“ übernommen, sondern auch ein anderes künstlerisches Prinzip: Dessen berühmtestes Werk, „Les Fleurs du Mal“ ist eine Sammlung von 100 Gedichten, die zwar einzeln entstanden sind, die Baudelaire aber als Gesamtkunstwerk verstanden wissen wollte, als ein nach dem Leben geschriebenes Ganzes.
So sieht Erio Carnevali auch seine Malerei: Er malt keine singulären Werke, erst alle zusammen ergeben für ihn das erstrebenswerte Ganze. Man könnte das vergleichen mit einem Komponisten, der zwar jede Note extra erfindet und aufschreibt – aber nur die Gesamtheit der Noten ergibt eine Komposition. Und damit bin ich bei einem weiteren künstlerischen Medium, zu dem Erio Carnevali eine starke Affinität hat: der Musik! Nicht nur, dass er selber Instrumente beherrscht, er hört beim Malen auch Musik und sieht sich durchaus ein wenig seelenverwandt mit dem russischen Komponisten Alexander Skrjabin (1871-1915), der die Tonarten nach dem Quintenzirkel bestimmten Farbklängen zugeordnet hat! Damit steht er auch in einer langen Kunsttradition, die mit Wassily Kandinsky beginnt und bis zum amerikanischen Künstler Mark Rothko führt.
Vielleicht entdecken Sie in Carnevalis Bildern auch Ähnlichkeiten mit der Malerei von Gerhard Richter, der in seinen aktuellen Werken ja auch bis zu 20 verschiedene Farbschichten aufeinanderlegt. Doch es gibt einen gravierenden Unterschied in der Bildauffassung zwischen ihnen beiden, wie mir Erio Carnevali gestern im Gespräch aufgezeigt hat: Nach seiner Auffassung entfremdet Gerhard Richter das Bild vom Betrachter und bringt eine Distanz zwischen beide. Carnevali jedoch will das Gegenteil: Er möchte den Betrachter in das Bild mit einbeziehen, der sich auf das Wesentliche darin konzentrieren soll.
Erio Carnevali schafft – und das ist sicher das Hauptanliegen seiner Kunst – Korrespondenzen, also Entsprechungen zwischen Bild und Betrachter und auch zwischen den verschiedenen Künsten, denn er lässt sich, wie schon erwähnt, von den Gesetzen der Musik genauso anregen wie von der Literatur, von Klängen und Tönen, von Düften und Naturerscheinungen, von der Architektur und der Tradition der Kunstgeschichte genauso wie von zeitgenössischen Kollegen (wie dem schon erwähnten Gerhard Richter).
Damit höre ich jetzt auf – denn Sie sehen schon an der Länge meiner Rede, das man mit dieser Kunst nie ganz fertig wird und immer etwas offen bleibt! – und lade Sie nun ein, ganz „offen“ die ausgestellten Kunstwerke zu genießen! Ich bedanke mich sehr herzlich für Ihre wunderbare Aufmerksamkeit, wünsche Ihnen, caro Erio Carnevali, und der Ausstellung den größten Erfolg und erkläre sie hiermit für eröffnet! Ich danke Ihnen!

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