Erio Carnevali: Anikonische Ikonen/Icone aniconiche – Dr. Ann-Katrin Günzel

Eröffnungsrede anläßlich der Ausstellung, 5.11.2010, Itelienisches Kulturinstitut, Köln

Anikonische Ikonen – das ist zunächst einmal ein ungewöhnlicher Titel, fragt man sich doch unweigerlich, was sich dahinter verbirgt.

Die Ikone ist ein wesentlicher Bestandteil der Byzantinischen Kunst und als solcher das Abbild einer Heiligenfigur. Die Wortbedeutung aus dem griech. Eikon = Ebenbild zeigt schon die Stellung der Ikone nicht als Kunstgegenstand, sondern als Kultbild, bei dem eine göttliche Wirkung wesentlich ist. Die Heiligen werden zumeist frontal dargestellt, um den direkten Bezug zum Gläubigen zu unterstützen, ihre Ausformung bleibt zweidimensional, damit wird betont, dass es sich lediglich um ein Bild, nicht aber um die Wirklichkeit handelt. Aus demselben Grund sind die Darstellungen in der Ikonenmalerei traditionell geblieben, der Hintergrund auch heute noch – wie im Mittelalter – oft goldfarben, klar strukturierte Figuren befinden sich in einem tiefenlosen Raum nebensächlicher Anordnung. Der Inhalt dominiert über der individuellen, schöpferischen Ausdrucksweise des Künstlers, denn die Ikone – das ist ihr vielleicht wichtigstes Kennzeichen – ist religiöses Handwerk und versteht sich als durch intuitive Eingebung geschaffen bzw. durch ein Wunder oder die gottgeleitete Hand des Ausführenden entstanden, konsequenterweise bleibt sie ohne künstlerische Handschrift und Signatur, d.h. der Künstler bleibt anonym. Die Veronika ist die Vera-Ikon, das wahre Bild, ihr Schweißtuch trägt das Abbild Christi, das durch den Abdruck entstanden ist.

Was aber ist eine anikonische Ikone? Eine magische Darstellung in einer zeichenhaften Weise vielleicht. Sieht man sich die Bilder des 1949 in Modena geborenen Malers Erio Carnevali an, so erscheint das eine treffende Bezeichnung. Statt einer bildhaften Wiedergabe entscheidet er sich für eine eher symbolhafte Darstellung verschiedener, leuchtender Farbräume. Und diese Farbräume sind in der Tat weniger eine realistische, sondern vielmehr eine inspirierte, intuitive Darstellung des Nicht-Sichtbaren. Die Leuchtkraft der Bilder hat eine Transzendenz, die unwirklich oder gar überwirklich ist und somit einen sakralen Anschein erhält. Die Form einiger seiner Arbeiten ist religiös motiviert und erinnert an Altartafeln oder Triptychen – wie die drei als Icona bezeichneten Arbeiten im Foyer. Wie von Portoghesi, Spadoni und Carnevali in einer 2009 erschienenen Publikation hingewiesen, hat Carnevali sich mit der Heiligenmalerei orientalischer Ikonen auseinandergesetzt und sich dabei mit den beiden Sphären des Wirklichen und des Unwirklichen beschäftigt. Diese Auseinandersetzung zeigt sich hier in den Bildern einerseits in der Farbe, andererseits im Licht. Wenn Carnevali auch keine Kultbilder schaffen will, so zeigt er doch die spirituelle Kraft eines intuitiven Schaffens. Wie er selber betont, geht es ihm dabei jedoch um eine menschliche, nicht um eine theologische Dimension. Die Farbe und das Licht verbinden sich zu einer eigenen nur auf dem Bildträger existenten Landschaft, die wie von einem magischen, z.T. auch geheimnisvollen Licht durchleuchtet wirken.

Blitz z.B. aus dem Jahr 2008, zeigt den Moment, in dem der Himmel von der hellen Lichtbahn durchzogen wird, das schlagartige Aufreißen der dunklen Himmelsteile, das nicht umsonst in der antiken Mythologie mit dem Glauben an einen kühnen blitzeschleudernden Gott (Jupiter) verbunden war, der – vor allem in Verbindung mit dem nachfolgenden Donner – Angst und Schrecken einjagte. Hier treffen sich Mut und Bedrohung als Antagonismen. Carnevalis Blitz ist ein gleichmäßiges Leuchten, ein Aufflammen von Licht, und daraus entstehend ein anhaltendes Scheinen/Glimmen in den Wolken. Dass der Blitz meteorologisch eine Entladung von Spannung darstellt, Bäume spalten und Häuser in Brand setzen kann, das steckt als Wissen in dieser Erscheinung drin und gibt ihr auch auf Carnevalis Bild trotz aller Leuchtkraft etwas Bedrohliches. Wie Stefania Falone im Vorwort des Kataloges zu dieser Ausstellung schreibt, enthalten die Bilder jedoch auch eine meditative Dimension, eine „stille“ Erzählung über die Farbe – diese kann auch ich erkennen. Die immer wiederkehrenden Horizontlinien ziehen den Blick automatisch in die Tiefe und erschaffen ein Abschweifen der Gedanken und des Sehens hin zu dem Punkt an dem in der Natur die Strahlen der Sonne farbenreich Untergangs- oder auch Aufgangsspektakel veranstalten, rosa-rot-glühend, bläulich-grün scheinend oder leuchtend Orange mit allen Schattierungen des Farbenspektrums zwischen Rot und Gelb. Carnevali durchbricht diese Eindeutigkeit der begrenzenden Horizontlinie durch vertikal darüber laufende Farbspuren, ein Tropfen und Schlieren, das sich ebenfalls wie eine Naturerscheinung, nämlich wie Nebel, Regen oder dichtes Gewölk über die Horizonte legt. Einerseits wird damit die Farbe in ihrer fließenden Struktur evident und damit das Bild wieder eindeutig als ein künstliches bzw. künstlerisches Konstrukt erkennbar. Andererseits ist die Einfügung der scheinbar tropfenden Farbspuren so dezent in das aus sich heraus leuchtende Farbenspektakel eingebettet, dass es auch wieder etwas Natürliches erhält. Die Natur der Kunst vielleicht…Das durchscheinende Licht erreicht Carnevali durch die Technik, mehrere Farbschichten übereinander zu legen, dabei arbeitet er mit Pigmenten und Farbpulver. Die Oberfläche erhält auf diese Weise eine starke Präsenz.

Abschließend möchte ich noch einen Blick auf das Bild Cattedrale (2010) werfen, einem in drei horizontal verlaufenden Farbräumen aufgeteilten Bild, über dessen hellere Mitte tropfende Farbspuren vertikal verlaufen. Es irritiert zunächst, da erstmal in seiner Erscheinung keine Gemeinsamkeit mit dem Titel erkennbar ist. Es ist vor allem die Neugier auf das „Darunter“, das dem ersten Blick einen zweiten, dritten und dann alle weitere folgen lässt. Die Frage, was sich hinter der „Kathedrale“ verbirgt. Und schleichend ahnt man, dass das vielleicht auch schon die Antwort ist, dass das Mysterium der Kathedrale – wie es vor hunderten von Jahren noch bestand, als man anfing Kathedralen zu bauen und auch noch in der Hochphase der Kathedralbaukunst, nämlich in der Gotik, – ein Geheimnis ist, hinter das man nicht zu kommen braucht, weil dann ein Zauber gebrochen wäre. Als das Haus Gottes ist die Kathedrale ein Ort, der geehrt und mit Ehrfurcht betreten werden sollte, im Mittelalter wollte man zusätzlich vermitteln, dass es sich hierbei um das (Abbild) des Himmlischen Jerusalem gehandelt habe. Die Kathedrale wurde mit ihrer Architektur selbst ein Lichtstrahl, der das finstere Mittelalter erhellen konnte, sie entwickelte durch ihre Transparenz (große Fenster) eine Durchlässigkeit, die als Spiegelung des Himmels angesehen werden kann. Dieser ist aber eine unsichtbare Wirklichkeit, ein göttliches Licht in diesem Fall, welches dem Anwesenden eine Ahnung gibt, wie sich diese höhere Wirklichkeit anfühlt. Die bedeckte, nebelhafte Farbigkeit in Carnevalis Werk gibt keinen Hinweis auf eine architektonische Form, sie ist genau dieses diffuse Licht, das eine Ahnung vermittelt, einen Anschein im wahrsten Sinne des Wortes. Die Kathedrale kann also hier in ihrer Erscheinung begriffen werden, als eine symbolische Verbindung von sakraler und profaner Welt, von Wirklich und Unwirklich oder Überwirklich, das Bild ersetzt dabei vielleicht das Fenster als Mittler zwischen Innen und Außen, als Filter des Lichtes, das ursprünglich die Funktion hatte, die ganze Kathedrale in ein geheimnisvolles Licht aus Rubinrot, Saphirblau, Smaragdgrün und Amethystfarben zu tauchen.

Damit lade ich Sie ein, in die Farbenwelt des Erio Carnevali abzutauchen, bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und gebe das Wort an den Künstler.

© Dr. Ann-Katrin Günzel, Köln (November 2010)

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